ruckspiel.com Facebook

10.06.16

OS 2651

11.06.16

Eine der letzteren Seiten

12.06.16

Albert und Albert jr.

13.06.16

Karpfen-Gulasch



14.06.16

Das mit dem auswärts Scheissen ist ja immer so eine Sache

15.06.16

Ich glaube

16.06.16

Nicht beim Fußball

17.06.16

Zweite Halbzeit ist immer anders wie die erste Halbzeit



18.06.16

Dass man bei uns auf die Jagd geht, ist nichts Ungewöhnliches

19.06.16

Hose rutscht

21.06.16

Der Brief

22.06.16

Die Kasteiung



23.06.16

Kopfknall

24.06.16

Die Sandkörner

25.06.16

-

26.06.16

Die Kasnudel-Prohibition



27.06.16

Die Nummer

28.06.16

Ein Granada mit 45 Kisten

29.06.16

Der Fuchs und die Gans

30.06.16

Three Lions, baby!



01.07.16

Warum ich kein Facebook habe

02.07.16

Hinterher

03.07.16

Fußstapfen, so groß wie der Stiefel

04.07.16

Der Adlerhof ist kein Surfcamp



05.07.16

Schütze Läuft Ohne Widerrede

06.07.16

Die Freude kommt vom Tun

07.07.16

Zwei Fragen über den Fußball

08.07.16

Eine Antwort



09.07.16

Kein Hochstand in Hongkong

10.07.16

Das zitternde Glas

11.07.16

Ein Wunschtraum im Juli 2016

12.07.16

Am Eingang



OS 2651

hinti_1

Am Flughafen in Wien stand ein Typ neben mir am Pissoir. Besser gesagt sind wir ziemlich gleichzeitig zum Pissoir hin. Jedenfalls sind wir dann beide dort gestanden, nebeneinander, mit Schwanz in der Hand und warteten auf den Sound des aufs weiße Keramik plätschernden Urins. Doch er kam nicht, denn es kam nichts. Bei uns beiden lange nichts. Und während ich mich fragte, wer jetzt wohl zuerst anfängt, fragte er sich wohl dasselbe, dachte ich jedenfalls. Stattdessen aber sagte er: „Kennen Sie Stefan Giczi?“. Ich schüttelte erst nur den Kopf, und nach vollendeter Tat schüttelte ich auch noch unten ab.

Der Dyson Airblade Händetrockner pustete noch angestrengt vor sich hin, da war der weißhaarige Mann schon damit beschäftigt, in seiner Ledertasche zu kramen. Bevor wir uns Tschüss sagten, wünschte er mir für die Europameisterschaft, ja er sagte tatsächlich Europameisterschaft, nicht nur EM, viel Glück – und zu den Wünschen drückte er mir noch ein kleines Buch in die Hand. „Unter den Stutzen“, las ich laut vor, von Stefan – dann stockte ich kurz, weil ich mir bei der Aussprache nicht sicher war – Stefan Giczi. Erst noch unsicher, was ich sagen sollte, packte ich das vergilbte Ding dann dankend in meinen schwarzen Puma Rucksack und ging zum Gate Richtung Avignon. Sonderflug: OS 2651

 

Eine der letzteren Seiten

hinti_13_web_v2

“Astrologin Roslinde Haller deutet die Sterne der Teamstars: Martin Hinteregger ist der ideale Durchstarter! ” Und außerdem muss ich, ob meiner “großen Emotionalität”, aufpassen, den Schiri nicht zu kritisieren, wie die Hellseherin in der Kronen Zeitung schreibt. Was ist eigentlich die weibliche Version von „So ein Hugo?“. Da draußen sind wildfremde Menschen, die sich irgendwas über mich aus den Fingern saugen und das ausgesaugte wieder auf Papier drucken lassen. Es sind Menschen wie die Astrologin, die mir nie Hallo gesagt, nie die Hand gegeben, nie an meinem Finger genuckelt haben. Menschen, die mich genauso wenig kennen, wie ich sie; die in Wahrheit nicht mehr über mich wissen, als das, was andere, die mich nicht kennen, über mich geschrieben haben.
Es ist kurz nach 23 Uhr, Frankreich hat das Eröffnungsspiel gegen die Rumänen gewonnen, hauteng, geiles Tor vom Payet, geiles Weinen hinterher. Davon bin ich noch weit entfernt, in meinem 35 km nördlich von Marseille gelegenen Einzelzimmer im Le Moulin de Vernègues (wieder keine Ahnung, wie man das ausspricht, aber so jedenfalls heißt unser Team-Quartier). Training war gut heute, das Steak mit Fisolen auch. Jetzt schlafen, vorher vielleicht noch kurz facebook, egal, ich versuche das Buch. Schräger Typ, der Typ vom Flughafen-Klo. Ich greife zum Nachtkasten und schlage eine der letzteren Seiten auf, Licht aus:

Woran’s bloß hapert
fragte ich mich
bloßhapert
mit nackten Füssen
in der Kreide
wo weiße Halme
Linien ziehen

 

Albert und Albert jr.

hinti_3

Lirum Larum Löffelstiel, wer das nicht kann, der kann nicht viel. Hat die Oma immer gesagt. Und was der Opa immer gesagt hat, war Zigeuner zu den Albanern. Daran musste ich heute denken: Schweiz gegen Albanien. Granit Xhaka gegen Taulant Xhaka. Bruder-Duell. Zigeuner-Derby. Was bin ich froh, dass meine Schwester für die Frauenmannschaft von Sirnitz spielt, und nicht für Ungarn.

Als Kinder haben wir uns immer in Sirnitz am Fußballplatz getroffen. Eigentlich trifft sich dort das ganze Dorf. Immer noch. Fast jedes Kind spielt bei uns Fußball, und die Eltern schauen zu. Der Papa ist noch dazu Jugendleiter und Trainer. Auch mein Trainer war er einmal.

In Ungarn gab’s im Jahr 92, in dem Jahr, in dem ich geboren bin, bei Ferencváros Budapest auch einen Papa, der seinen Sohn trainiert hat. Den Spieler Flórián Albert jr. und den Trainer Flórián Albert (ich glaub er war Trainer, jedenfalls hat er einen Anzug an). Beide, Vater und Sohn, sind auf dem Mannschaftsfoto im Buch abgebildet. In „Unter den Stutzen“ sind immer wieder Photos und Zeichnungen und dann wieder nur Texte, manchmal einfach nur Sätze, manchmal kurze Geschichten, manchmal ein Wort nur. Meistens sind es aufgeschnappte Wortmeldungen von Gästen einer Wiener Gaststätte namens „Adlerhof“. Das Lokal gehört einem fußballverrückten, gebürtigen Ungarn, den alle nur „Herr Stefan“ nennen. Auf die Frage eines Gastes “Albert, mit Nachnamen?” antwortet er “Nein, Familienname”. Ich hab von dem Albert auch noch nie was gehört, aber der Opa, der kennt ihn sicher.

 

Karpfen-Gulasch

hinti_20_web-1

Pudelnackert und grün bemalt machte ich einen Morgenlauf im Wald. Vor mir hing, wie auf einer Wäscheleine, der feuchte Nebel in diesiger Luft. Und neben mir hechelte ein Hirsch namens Willibald. In seinem Geweih: ein Ghettoblaster aus dem das Lied „Freed from Desire“ in den Wald hineindröhnte. Irgendwann stand dann ein nordirischer Bierbauch am Wegrand. Er hatte meine Puma-Laufschuhe und meine Puma-Laufsocken, meine Puma-Laufhose und mein Puma-Laufshirt an. Dazu schwenkte er meinen handgemachten Zapf-Jagdhut und skandierte lauthals zur Melodie der Boxen: „Hinti’s on fire! Your offense is terrified! Hinti’s on fire! Your offense is terrified! Hinti’s on fire! Your offense is terrified! Hinti’s on fire! Na-na-na-na-na-na-na-na-na-na-na-na…“. Der Hirsch und ich liefen unbeirrt weiter, bis wir Durst bekamen und an einem kleinen Bach Halt machten. Nachdem wir uns von der, wie der Marko sagen würde, überragenden Trinkwasserqualität überzeugten, unterhielten wir uns über die Unterschiede zwischen der Sirnitzer- und der Gladbacher-Luft. Doch dann, plötzlich, ist es passiert… wie ein Karpfen im Bach tauchte diese fettgeschriebene Frage in mir auf: Werde ich spielen oder nicht? Es war kein serbischer Karpfen, nein, eher ein ungarischer. Karpfen-Gulasch, sagte der Hirsch.

Als ich die Augen öffnete, hockerlten Marko und David neben mir. Während der „Däjvid“ damit beschäftigt war, hastig einen grünen Edding zuzustöpseln, las der Marko in “Unter den Stutzen”, das ich jetzt immer bei mir hatte. Ich schnürte den Bademantel zu, nahm das Buch und ging vom Wellness-Bereich in mein Zimmer. „Hinti’s On Fire“ war das erste, was ich sah, als ich mich im Spiegel sah. Das Tor vom Schweini hab ich dann verpasst, weil ich noch am Waschbecken damit beschäftigt war den grünen Edding von der Wange zu kriegen. Und immer, wenn ich in das überragend klare, französische Leitungswasser blickte, musste ich wieder an den Hirsch und mehr noch an den Karpfen denken.

 

Das mit dem auswärts Scheissen ist ja immer so eine Sache

hinti_21_2_web

Ich bin ganz und gar nicht ein todernster Mensch. Ich bin eher einer, der zu viel lacht. Eigentlich bin ich ein Mensch, der versucht, sich das Leben nicht zu schwer zu machen. Aber wenn’s dir das Leben oder in dem Fall der eigene Körper schwer macht, wird’s eng. Das Einfachste ist mir in den letzten Tagen zum Schwierigsten geworden. Seit fast genau einer Woche sind wir jetzt hier in diesem Frankreich. Den Aufsteh- und den Trainings- und den Marcel Koller Rhythmus hab ich intus. Nur beim anderen, beim Klo-Rhythmus, hapert’s noch. Aber gewaltig.

Der Ilsanker hat mir erzählt, dass er oft eine Woche lang gar nicht kann, da steht der Bauch dann richtig. Wenigstens hab ich nicht diese hautengen Shirts an, eh wie der Ilsanker, der Arnautovic oder der Dragovic auch. Da merkst sonst im Fernsehen gleich, wem’s beim Klogehen nicht so gut geht. Der Baumgartlinger, der muss sich das nie fragen, wie der sich überhaupt viel nicht fragen muss, was sich andere fragen müssen. I want curly hair too!

Daheim hab ich ja damit nie ein Problem gehabt. Nur der Topf daheim ist halt auch der Topf daheim. Bei der Auslosung waren wir in Topf 2. Ob der auch weiß war? Am Flughafen, ja, da bin ich kurz am Pissoir gestanden, und es ist nichts gegangen, ok, aber das hier ist schon eine ganz eine andere Größenordnung. Hier in Frankreich, ohne meinen gewohnten Alltags- und Klo-Rhythmus wirkt sich das alles in Form von sogar für mich unerträglicher Luftscheisse aus. Einmal kam mir heute bei der Besprechung einer aus und der Alaba hat gleich “geh Hinti“ hat er gesagt und ist aufgestanden – soll froh sein, dass er sein Essen jeden Tag versenken kann. Langsam beginn ich mir Sorgen zu machen. Bis zum Ungarnspiel muss ich das irgendwie hinbekommen. Muss ja nicht schön sein… oben, unten, links, rechts, langsam, schnell, alles egal: hauptsache versenken… die innere Verwesung im Topf und den Ball im Netz.

 

Ich glaube

hinti_2

Ich glaub es ist gut, dass es gleich anfängt, dann muss man nicht mehr so viel nachdenken.

 

Nicht beim Fußball

herr-stefan-1

Ich versuch wirklich und eigentlich ziemlich locker mein Englisch zu präsentieren, aber jedesmal wieder werde ich von den Franzosen und ihren Femmes wie ein Schaß stehengelassen. “Wo ist das hurns Hotel?”, murmelte ich, als ein LKW Fahrer die Scheibe nach unten kurbelte. “Forza Italia!“, kam aus der Fahrerkabine direkt in mein Gesicht gerufen. Mit einem klassisch österreichischen Verlegenheitsgrinsen inklusive Fußballer-Daumen nach oben antwortete ich. Der verkehrte Kappen-Träger zitierte mich winkend zu ihm. Die Lässigkeit eines Buffon, das Bärtige eines De Rossi – lernen von den Großen, dachte ich, während ich in den LKW stieg.
“Do you know Ennio Morricone?”, war das erste, was ich ihn vom Beifahrersitz aus fragte. “Ennio Morricone? Si, un musicista bellisimo!! Why do you know him? You are a young guy, you should listen to Rihanna and all of this, no?”, wunderte er sich mit starkem Italo-Akzent.
Ich lachte. Und erklärte ihm, dass Ennio Morricone der Lieblingsdirigent und Komponist von dem Wirten in meinem Buch sei. “What is it, this book?”, fragte der Mann am Steuer. „Under the Stutzen“ war das Maximum, was ich an Übersetzung anzubieten hatte. „It’s about a man and his bar. He got seriously sick, that’s why he had to close the bar after 37 Years. But after a while “Herr Stefan” decides to re-open it, but only on special days for special people. Only on these days when there are football games to watch. And only for people who love football like he does. I think, this passion for football keeps him alive.“
Als mich der freundliche Mann aus Grottamare in einer Quergasse vor dem Hotel aussteigen lies, wurde ich gleich mit einem  “gemma Hinti“ von einem Bierdosentrinker empfangen. Ich schaute kurz auf, konnte mein Lächeln nur mit einem Bodenblick wieder verbergen, und drückte das kleine Buch gleich noch ein Stück fester an mich.
Vor dem Hotel dann, von links nach rechts: Arnautovic 7, Alaba 8, Alaba 8, Hirsl 99, Krankl 9, Alaba 8, und so weiter. Unzählige Fans vor dem Zaun, Rücken an Rücken. Kein einziger Buckel, auf dem mein Name stand. Alles egal, solange ich heute gegen Ungarn auf dem Platz stehe, dachte ich nur.
Wenn ich als Jugendlicher angespannt war, hat sich das immer auch körperlich ausgewirkt. Vokabelzettel, Tests, Schularbeiten, das der Stress von früher. Hirsl 99 vor dem Zaun, hupende Autos, 21 Uhr, das der Stress heute. Stress-Durchfall damals wie heute. Endlich! Endlich keine Verstopfung mehr! Jetzt, so kurz vor dem Spiel, Prüfungsmodus im Körper. Ja! Noch schnell die Oberschenkel vom Spritzwasser sauber gewischt und Hinti war le back. Erleichterung.
Draußen vor dem Fenster stand der Mannschaftsbus bereit. Wie locker er da steht, dachte ich. So selbstverständlich. So, als ob nichts wäre heute. Niemand im ganzen Team strahlt so eine Ruhe aus wie er, mit seinen komforttablen Federkernsitzen. Auf seiner polierten Metallic-Karosserie in großen Lettern: “Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich”. Darunter in klein: “Again and again, again and again, again and again Austria!”. Alles an diesem Gefährt ist bereit. Das Öl gewechselt, bester Diesel in rauen Mengen im Tank, der Reifendruck frisch kontrolliert, Scheibenwischwasser zum Saufüttern, die Mini-Bar voll, die Anlage startklar, alles tip top. Einzig sein Fahrer hinkt der sonst so makellos maskulinen Anführer-Vitalität ein wenig hinterher, dachte ich, als ich ein letztes Mal aus dem Zimmerfenster blickte, ehe ich nach unten ging und mit verschränkten Armen in den selbstbewussten Bus stieg.
Bordeaux, ein Stadion, das auf Stäben steht, Mama, Papa und 38.998 Unbekannte. Fußballerbeine wippten in den Katakomben den Anspannungsmarsch. Klack-klack-klack, die Noppen gaben den Takt vor. Der Almer, als der Lauteste, wie immer mit geschraubten 6ern. Klack-klack-klack. Ich schnürte den zweiten Schuh und musste an meine Kindergartenzeit und den Knight Rider Ranzen denken. 5 Tage Ohr über Ohr Schuhband-binden-Trainingslager. Am Ende der Woche konnte ich dann meine Senkel, wie sie in Gladbach, nie aber in Sirnitz, sagen würden, selbst schnüren. Und 19 Jahre später bin ich jetzt in Bordeaux gesessen und versuchte, alles genau so wie damals zu machen. Der Spaß ist das Wichtigste, sprach ich mir in Gedanken Mut zu.
22 Männer, die sich in zwei Kabinen zweisprachig “Gemmaaa” in die Körper schrien. Klack-klack-klack. “Jetzt geht’s los!“, sang Andi Marek dem Fanblock vor. Klack-klack-klack. Während sich die anderen, bevor es endgültig losging, noch ein letztes Mal die Kopfhörer aufsetzten, schlug ich noch einmal das Buch auf:

„Halten Sie zu Ungarn bei der EM, Herr Stefan?“

„Jaja. Das ist Sport.“

“Hinti, was los?”, sagte der Marko, “Du schaust drein wie a Autobus?!” Aber sicher nicht wie unserer, dachte ich, von den Buchzeilen verstört, auf der Kabinenbank sitzend. Denken hilft einem ja doch nicht weiter. Nicht beim Fußball.

 

Zweite Halbzeit ist immer anders wie die erste Halbzeit

hinti_19_web

1. NEIN,       46. NEIN,
2. NEIN,       47. NEIN,
3. NEIN,       48. NEIN,
4. NEIN,       49. NEIN,
5. NEIN,       50. NEIN,
6. NEIN,       51. NEIN,
7. NEIN,       52. NEIN,
8. NEIN,       53. NEIN,
9. NEIN,       54. NEIN,
10. NEIN,     55. NEIN,
11. NEIN,     56. NEIN,
12. NEIN,     57. NEIN,
13. NEIN,     58. NEIN,
14. NEIN,     59. NEIN,
15. NEIN,     60. NEIN,
16. NEIN,     61. NEIN,
17. NEIN,     62. NEIN,
18. NEIN,     63. NEIN,
19. NEIN,     64. NEIN,
20. NEIN,     65. NEIN,
21. NEIN,     66. JAA!!,
22. NEIN,     66. NEIN,
23. NEIN,     67. NEIN,
24. NEIN,     68. NEIN,
25. NEIN,     69. NEIN,
26. NEIN,     70. NEIN,
27. NEIN,     71. NEIN,
28. NEIN,     72. NEIN,
29. NEIN,     73. NEIN,
30. NEIN,     74. NEIN,
31. NEIN,     75. NEIN,
32. NEIN,     76. NEIN,
33. NEIN,     77. NEIN,
34. NEIN,     78. NEIN,
35. NEIN,     79. NEIN,
36. NEIN,     80. NEIN,
37. NEIN,     81. NEIN,
38. NEIN,     82. NEIN,
39. NEIN,     83. NEIN,
40. NEIN,     84. NEIN,
41. NEIN,     85. NEIN,
42. NEIN,     86. NEIN,
43. NEIN,     87. NEIN,
44. NEIN,     88. NEIN,
45. NEIN,     89. NEIN,
90. NEIN.

 

Dass man bei uns auf die Jagd geht, ist nichts Ungewöhnliches

hinti_5

Die Tage danach. Scheisstage.
Nummer 4.
Am Rücken und in der Tabelle.
Wir sind unten.
Rauf auf den Hochstand, bevor die Sonne aufgeht.
Nicht wie gegen Ungarn immer zu spät sein.
Früher aufstehen.
Aufwachen!
Die Heimat verletzt aber verbunden.
Bin nunmal sehr bodenständig und heimatverbunden.
Alles tun, um ihr länger noch fernzubleiben.
In der Ferne bleiben.
Hierbleiben.
Paris.
Nicht Sirnitz.
Paris.
Ein Ronaldo ist lange nicht so wendig
und leichtfüssig wie ein Reh.
Aufholjagd!

 

Hose rutscht

hinti_6-webDen Tribünen hatte es die Sprache verschlagen, die Fahnen waren verschwunden, die Trommeln verstummt. Nach mehr als zwei Stunden der wieder und immer wiederkehrenden „immer wieder, immer wieder“ Chöre, nun: Stille. Das Parc des Prince Stadion von Paris fast menschenleer. Nur ein paar Übriggebliebene, die die letzten Pfandbecher noch sammelten und zu Türmen stapelten.
Neben, vor und hinter den anderen drehte ich meine Runden. Es wäre ein anderes Auslaufen gewesen, wenn dieses Dong nicht gewesen wäre. Wie eine hängengebliebene Schallplatte wiederholte sich derElfmeterderElfmeterderElfmeterderElfmeter in meinem Kopf.
Ronaldo legt sich den Ball auf den Punkt. Frisur sitzt. Hose rutscht! Ronaldo macht ein paar strenge Schritte rückwärts. Hose rutscht! Ronaldo steht breitbeinig wie der Eiffelturm da. Hose rutscht! Ronaldo pustet kräftig durch. Hose rutscht! (Just als der dreifache Weltfußballer mit dem weltweit stärksten Haargel zum Elfmeter antrat, musste ich daran denken, dass wir dieses „Hose rutscht!“ bis zur U9 immer gerufen hatten, wenn ein gegnerischer Spieler zum Elfmeter, damals waren es nur sieben Meter, antrat) Ronaldo läuft an. Hose rutscht! Almer bewegt sich nach rechts, Ronaldo schiesst links. Dong! Ronaldos Hose ist gerutscht. Und meine, die Hose des Elfmeterverursachers, gleich dazu. Schuld war das Herz. Es rutschte vom Brustkorb über den Bauchbereich, am Bauchnabel vorbei bis hinunter in die weiße Innenhose meiner schwarzen Hose. Und dort lag es dann, pulsierend. Und so ein Herz, das darf man nicht unterschätzen, wiegt schon gscheit viel. Als die Schwerkraft mehr und mehr ihre Wirkung zeigte und die Last schlicht zu groß wurde, konnte die Short das Gewicht des Organs nicht mehr tragen und wanderte nach unten, Gummizug hin oder her. Schlechte Metaphern hin oder her: Man kann auch ohne Junuzovic, Dragovic und Hose gegen Portugal einen Punkt holen.
Irgendwie haben wir uns, wie man sagt, durchgebrunzt. Zweimal Stange, einmal Abseits, hundertmal Almer. 0:0. “Mindestens etwas”, wie der Herr Stefan in “Unter den Stutzen” immer sagt. Nicht „immerhin“ oder „zumindest“, sondern „mindestens“. Mindestens etwas. Mindestens diesen einen Punkt, mindestens diese eine Chance auf den Aufstieg, mindestens noch ein Spiel, bei dem es hinterher beim Auslaufen wieder eine Traube Zylinderhut-Österreicher geben wird, die das Stadion aus seiner Andacht reissen werden, indem sie inbrünstig „Herbert Prohaska“ grölen, um es zumindest akustisch in die Nachberichterstattung des ORF zu schaffen. 

 

Der Brief

hinti_7-web

Wäre ich nicht Fußballer, wäre ich Eishockey-Spieler, wäre ich nicht Eishockey-Spieler, wäre ich irgendwas auf der Gemeinde. Man spielt Fußball, man entfernt sich immer weiter vom Eishockey. Man spielt Fußball, man entfernt sich immer weiter vom Gemeindeamt, von allen Dorf-, Gemeinde- und Weltämtern. Ich bin Fußballer. Wie der Briefträger im Adlerhof Briefträger war.

In „Unter den Stutzen“ gibt es so ein Kapitel. Da geht es um einen Briefträger mit schweren Knochen. Ein gestandener Mann – tüchtig, fleißig, pflichtbewusst – Postler eben. Im Privaten pünktlicher als im Beruflichen, wie er beschrieben wird. Er bezog jeden Freitag zur gleichen Uhrzeit seinen Tisch links hinten im Gasthof. Das Ankommen war seine Berufung, beim Gehen herrschte die Willkür. Wenn er da war, sprach er meist über den Fußball, schimpfte über Schiedsrichter, vergebene Chancen oder steigende Benzinpreise. Er war ein Mann, der das Mannsein in all seinem Tun bestätigen wollte. So wäre es beispielsweise nie für ihn in Frage gekommen, ein Soda-Zitron zu bestellen, denn er bestellte gar nicht. Herr Stefan stellte ihm selbstverständlicherweise sein Achterl auf den Tisch. Er war ein Mann der festen Gewohnheiten. Das blaue Hemd, die braune, wie ein Christbaum behangene, Feuerwehr-Uniform, oder das gelbe Postler-Polo – so kannte man ihn, so sah man ihn. Er war in erster Linie der „der Brief“ in zweiter Linie der „der Mani“. Der Brief, wie er also von allen genannt wurde, hatte tatsächlich etwas mit den Briefen gemeinsam, die er täglich ausführte: Er war verschlossen. Doch manchmal, und da meistens wenn er betrunken war, wurde er ein anderer. Weicher, näher, zutraulicher. Oft sagte er, als man ihn nach Sperrstunde wieder einmal nur noch hinaus bekommen wollte: „Jeder Mensch braucht Liebe.“ Vielleicht hat sich Ronaldo dasselbe gedacht, als er den Portugal-Fan, der aufs Spielfeld gelaufen ist, vor den Ordnern beschützte, damit er mit ihm ein Foto machen konnte. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist Ronaldo ein lieber Mensch. Vielleicht ein Arschloch. Vielleicht nicht. Vielleicht ist es völlig wurscht, ob Ronaldo ein Arschloch ist. Vielleicht sollte ich nicht zum dritten Mal hintereinander etwas über Ronaldo schreiben. Vielleicht sollte ich mal wieder Eishockey spielen. Oder einen Brief schreiben.

 

Die Kasteiung

hinti_8-web

16:48, Gløcki:
He hinti olls guat bei dia olta?

16:52, Hinti:
Olls guat??? I  wullt heit scho zwa mol vua di ubahn hupfn

16:52, Gløcki:
???????????????????

16:53, Sepp:
?

16:53, Sepp:
Ergab match muagn hiatz, oda wos he?
Wegen

17:02, Gløcki:
Hinti wos is los??

17:03, Lippi:
Fuck he, wos woa leicht?

17:07, Beppo:
Ölfarbe wos los?
Olta was los?
Scheiss autokor

17:07, Gløcki:
Hinti, moch uns kan kumma. Wos woa? Heb ob olta!

18:02, Lippi:
Hinti????????????????????

19:36, Hinti:
Sry füa de nochricht…hob i net checkt das so oag kummt :/ olls guat.. mia gehts guat…
nua…in paris siagst olle 10 sekunden a madl wos di aushengt… schwoaze hoar, route lippm 😛

19:37, Beppo:
Dodl 🙂

19:38, Gløcki:
Depp

19:39, Hinti:
und jetz nu training ghob…drum hots solong dauert mim schreim

19:40, Lippi:
Hund du 😀 😀 😀

19:42, Hinti:
Sorry schlechts gwissen ah no. Eh unta da haubn

19:47, Gløcki:
Na basst…solaungs di net vua di ubahn haust, hau liaba muagn de islända an eini 🙂

19:50, Hinti:
Sia olta!!

 

Kopfknall

hinti_9-web

Ein Schnitt von Ohr zu Ohr mit stumpfem Messer, so fühlt es sich an. Alles dumpf, in mir und um mich rum. 80.000. Doch ich sehe keinen einzigen von ihnen. Alles schwarz. Und hört sich an wie unter Wasser. Die Stimmen langsamer, schemenhafter, undeutlicher als sonst. „Hinti, Hinti, hey, hey, Hinti… ois okay …??” Keine Antwort. Ein Eckball, ein Kopfball, ein Kopfknall. Das wärs gewesen. Nie mehr genesen. Es sind die Kleinigkeiten, die die großen Unterschiede machen. Zwischen Tor und Tod. Ein Tor, der Island-Fanblock, ganz Island wäre erschüttert, kein Tor, zwei Köpfe, ein Knall, zwei Gehirne erschüttert. Alles schwarz. Egal. Scheißegal-Mentalität. Augen auf. Einfach auf. Stehen. Laufen. Einfach weiter. Wasser ins Gesicht. Weiter. Immer weiter. Ich lebe noch, wir leben noch, nur ein Tor noch. Ein Blick auf die Uhr. Es ist noch Zeit. Noch. – Loch.

 

Die Sandkörner

hinti_10-web_v2

Von der Sanduhr ausgesiebt, jedes Korn von oben nach unten, bis es aufprallt am Boden. Am Boden. Ich. Wir. Alle. Sind Sandkörner. Keine Körner. Alfred Körner – 1954, 3. Platz bei der WM. Martin Sandkorn, Aleksandar Sandkorn, Marko Sandkorn, Zlatko Sandkorn, etc. – 2016, Vorrundenaus bei der EM.

Von der Schwerkraft gezogen. In die Tiefe der tiefsten atlantischen Tiefen, französische Küste. Ein Pfiff. Das Aus. Das Spiel ist aus. Weiterlaufen: sinnlos. Weglaufen: schwierig, eigentlich aussichtslos, umringt von diesen Menschenmassen im Saint Denis. Mein Tinitus heißt Schlusspfiff. Ewiges Pfeifen im Ohr, im anderen auch. Schlimmer als jedes Ausgepfiffen werden: das Aus pfeifen. Der Schiri, die Sau, macht Schluss. Mit uns. Er macht, stellvertretend für die EM, Schluss mit uns. Die EM macht Schluss mit uns, wir nicht mit ihr. Sie mit uns. Wir nicht mit ihr. Wir wollten bleiben, bei ihr, sie nicht bei uns. Das Achtelfinale eine Fata Morgana. Max Prosa singt: „Ab und zu dann denk ich mir, wär was anderes passiert, stünden wir dann nur vielleicht noch immer hier. Mit den Angeln in der Hand, um uns Wüste, weites Land. Oh, wir wollten so gern große Fische fangen.“ Keine Fische, kein ungarischer Karpfen, nur ein Vogel in dem wir sitzen. Im Flieger kein Blick aus dem Fenster, raus aus der, rein in eine andere Welt. Unter den Stutzen, Seite 24:

“Ich bin nicht hoffnungslos, hoffnungsvoll bin ich aber auch nicht.”

Der Flieger hebt ab. Wenn man ganz unten ist, kanns nur nach oben gehen.

 

hinti_4

Französischen Rasenteppich gegen Goggauer Heugras getauscht.
Airline gegen Regionalzug. Gegner gegen Gewehr.

 

Die Kasnudel-Prohibition

hinti_12_web

Meine Gedanken riechen nach Kasnudeln. Auf einen Monat der reinsten Kasnudel-Prohibition in Frankreich, folgt der immanente Wunsch nach eben dieser und keiner anderen Speise. Vielleicht mag ich sie deswegen so gern, die Kasnudeln, weil sie, anders als die Siegprämien, die Nationalteam-Einberufungen oder die Transfer-Angebote, nie an meine Leistung gebunden waren. Kasnudeln gabs immer. Ausser eben in Frankreich. Jetzt in den Zug zum Gasthaus Zauchner, zum Bärenwirt, wie wir sagen. Ja, zum Bärenwirt, nicke ich mir zu. Der Koch dort macht, wie viele sagen, die besten Kasnudeln. Wohingegen es im Adlerhof von keiner Speise die beste gab. Nicht das beste Schnitzel, das beste Gulasch und auch nicht die besten Knödel. Alles war gut, wie es im Kapitel „der Koch“ in „Unter den Stutzen“ beschrieben wird, nichts aber das beste.

Der Koch war, bevor er in den Adlerhof kam, Koch einer Fußball Profi-Mannschaft. Ich hätte eigentlich schon diese Frau, von der alle sagten, sie sei die beste Köchin, eingestellt, aber dann kam dieser Fußballverrückte, wie Herr Stefan im Buch erzählt. Er, der Koch, wusste weniger über die perfekte Panier, als über den genauen Spielverlauf von Jahrzehnte zurückliegenden ÖFB Cup Achtelfinalspielen. Bevor ich ihn traf, dachte ich, viel über den Fußball zu wissen, doch sobald er, der Koch, zu erzählen begann, wusste ich, dass ich, im Vergleich zu ihm, dem Koch, gar nichts wusste. Ich musste diesen Mann einfach einstellen. Verpflichten. Er war Teil des Teams, Team Adlerhof. Er, der Koch, hinten, ich, Herr Stefan, vorne. Er hat hinten Schnitzel geklopft, war fürs Grobe zuständig, ich hab vorne locker aus der Hüfte agiert. Immer wieder mit der ungarischen Interpretation des Ronaldinho-Grinsens die Gläser verteilt, wie ein Spielmacher die Bälle. Wenn es hinten klingelte, wusste ich, das nächste Essen war fertig. Und wenn ich vorne jemandem einen einschenkte, hatte das mit Weißen Spritzern, nichts aber mit Toren zu tun. Auch wenn es bei uns immer und eigentlich ununterbrochen um Fußball ging, wie es am Ende des Kapitel heißt.

Vielleicht sollte ich, anstatt zum Bärenwirten, zum Adlerhof fahren, denke ich jetzt. Ob dort noch jemand ist, ob der Adlerhof überhaupt noch ist? Vielleicht sollte man sich manche Dinge im Kopf behalten, als das, was sie in der Fiktion für einen sind. Es fällt ja ohnehin am leichtesten, die Dinge und Menschen zu mögen, die man nie kennengelernt hat. Südamerika, Noriaki Kasai, Pinguine, André Heller und die andern. Ich liebe sie alle, ich kenne niemanden. Aber vielleicht sollte ich trotzdem hin und hinein, wenn auch die Aussicht auf Kasnudeln die schlechteste ist.

 

Die Nummer

hinti_17_web

#CR7, #DA27 und #MH4? Oder #MH5, #MH6, #MH36 oder #MH16? #MH tuts auch. Eigentlich tuts auch einfach nur #Hinti. Einfach nur Hinti. So wie alle ihre Hashtags haben, haben alle auch ihre Rückennummern. Alle andern. Mir sind schon so viele Nummern hinten entlang der Wirbelsäule aufs Dress gebügelt worden, von mir aus können sie mir auch die Zahl π (3.14159265358979323846264…) oder ein Sartre Zitat (“Freedom is what you do with what’s been done to you”) oder eine fliegende Kuhflade auf den Rücken drucken. Mir ist egal, was da hinten oben steht. Viel wichtiger ist, was vorne ist. Welche Stickerei, welches Wappen ab Juli über meinem linken Nippel prangen wird. Hoffenheim, Watford, Salzburg? In absteigender Reihenfolge. Warum kann nicht einfach der Klopp bei mir anrufen? Bah, langsam zipft mich das Thema auch an.

Tor, ruft der Polzer völlig ansatzlos ins Wohnzimmer und direkt in meinen Schädel rein. Seit ich wieder hier bin, schau ich oft auf den und in den und durch den Fernseher Richtung Frankreich, selten interessiert’s mich wirklich. Manchmal könnte ich genauso, anstatt auf der Couch sitzend in den Fernseher zu schauen, auch auf dem Fernseher sitzen und die Couch anstarren. Würde wohl nicht weniger vom Spiel mitbekommen als andersrum. Die Schwierigkeit ist, sich auf das Andere zu konzentrieren, wenn das Eigene noch im Unklaren liegt. Deutschland – Belgien oder Deutschland – Portugal, denk ich mit Extrawurscht im Gedankengang, wird wohl das Finale sein. Deutschland, Belgien, England, Spanien, Italien, Frankreich, Türkei, Österreich: Wo werd ich sein, wenn die Finalisten am 10. Juli in Paris auf den Rasen spucken und ihre Hymnen singen? Hoffentlich bei einer großen Nummer. Rückennummer egal.

 

Ein Granada mit 45 Kisten

hinti-15-2

England fliegt gegen Island raus. Damit sind wir wohl doch nicht die größten Tocka des Turniers. (Das heißt Dodln, für alle, die hier außerhalb Kärntens mitlesen. Es bleibt der Zwang, am Ende doch immer verstanden werden zu wollen. Nur was verstanden wird, wird gelesen. Nur was verstanden wird, wird gemocht. Nur was verstanden wird, kommt nach oben. Alles muss verstanden werden. Jeder Satz, jeder Pass, jedes Bier. Warum spielst du den 40 Meterpass, nicht den einfachen? Warum schreibst du Tocka, nicht Idioten? Idioten wäre sogar Englisch, also fast Englisch. Cheers! Jedes Bier, das ein Martin Hinteregger trinkt, hat ein Bier zu sein, das die Menschen, die die Zeitung von hinten nach vorne lesen, verstehen. Die Sportteilleser müssen jedes Seiterl, das ein Martin Hinteregger trinkt, verstehen, gutieren, zumindest nachvollziehen können. Das Bier, das verstanden wird, ist ein Bier, das auf Titelfeiern und Saisonabschlussfesten getrunken wird. Jedes von mir, von Martin Hinteregger getrunkene Bier, das außerhalb von Titelfeiern und Saisonabschlussfesten getrunken wird, ist ein für Unverständnis sorgendes. Jedes Bier, das ich in der Hand halte, muss Angst haben, schon bald vertäufelt zu werden, schon bald rot eingekreist und im Internet geteilt zu werden. Jedes Bier, das ich außerhalb von Titelfeiern und Saisonabschlussfesten trinke, ist mein Fanal des Karriereabstiegs. Für die da draußen. Während ich einen Zara (kein Gewandgeschäft, sondern Wiener Wort (von Marko gelernt) für Schluck) von meinem Bier (Zensur: alkoholfrei) nehme, muss ich ich wieder an Herrn Stefan denken, und daran, dass man mit einem Ford Granada, wie er schreibt, 45 Kisten Schnaitl Bier transportieren kann. Ich kanns nicht glauben, aber ich würds gern sehen. Die Kisten, das Auto und ihn, vor allem ihn.)

Dienstag beginnts bei Salzburg wieder. Trainingsbeginn. Und wo warst du? Ibiza. Du? Malediven. Du? Mallorca. Du? Adlerhof. Irgendwas sagt mir, ich sollte da hin. Einmal hab ich in einem Interview gesagt, ich hab einen Deal mit mir selbst. Nur mit mir selbst, denke ich jetzt. Wenn der 40 Meterpass ankommt, muss er nicht verstanden werden.

 

Der Fuchs und die Gans

hinti_23_web“Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her…” In unserem Fall ist es ja umgekehrt: Die Gans hat den Fuchs gestohlen. Keine blöde Gans, nein, die Frau vom Fuchs ist eine gscheite. Akademikerin, wohnt in Manhattan, hat dort ihre Firma und nett ist sie auch, was ich weiß. Aber wäre sie, die Gans, nicht, wäre der Fuchs wohl auch nicht vom Team zurückgetreten. Diese hin und her Reiserei, New York – Leicester, Leicester – New York, Leicester – Wien, Wien – Leicester, dazu die Auswärtsspiele der kommenden WM-Quali, das ist auf Dauer halt auch nichts, sagt der Fuchs. Dazu kommt noch, dass er nächstes Jahr Champions League spielen wird. Noch mehr Flugzeug also. Da versteh ich ihn schon, da kann ich mir die zweite Zeile: “…sonst wird sie (in dem Fall: ihn) der Jäger holen mit dem Schießgewehr” auch sparen. Füchse haben ohnehin momentan “Schonzeit” bei uns im Revier, wie es in der Jägersprache heißt, und Gänse sind bei uns kein Thema. Wie momentan leider auch ein Jagdhund für mich kein Thema ist. Freu mich schon auf die Zeit nach dem Fußball, wenn die Ortssicherheit für einen Jagdhund da ist. Vorher ist das utopisch. Angenommen, der Klopp ruft doch noch an, dann müsste ich weg aus Salzburg, hin nach Liverpool. Und ob ein Jagdhund in Liverpool happy wird, das weiß ich nicht, dazu kenn ich Liverpool auch zu wenig. Eigentlich gar nicht. Herr Stefan hatte eine 80 Kilo Dogge namens Lady in seinem Lokal, dem Adlerhof. Lady war nicht dick, sondern einfach nur riesig. Ein gutmütiges Tier, wie er schreibt. Ich mag das Wort: gutmütig. Gut und Mut und ein ü noch, was es ja nur in der deutschen und in ein paar anderen Sprachen wie der türkischen noch gibt. Atatürk. Flughafen. Istanbul. Terror. Das Gegenteil von gutmütig. Hoffentlich hat nicht der ganze Terrorscheiss den Fuchs dazu gebracht, in Zukunft weniger fliegen zu wollen. Nicht aus Angst vor den Unmenschen den Flughäfen fernbleiben, lieber aus Liebe zu seiner Gans und ihren Kindern.

 

Three Lions, baby!

hinti_24_5_webMächtige Staubwolken erheben sich, als Simba allein und nur auf sich selbst zurückgeworfen am Rand der Schlucht steht und die Gnu-Herde trampelnd auf ihn zusteuert. Die Hoffnung, dass die herannahenden Viecher nicht nur an der Felswand, auch an ihm vorüberziehen könnten, wird wie Mufasa, der Simba rettet, zertrampelt. Daran muss ich denken, als ich von meinem Fensterplatz aus hinaus aus dem in die Jahre gekommenen Abteil des ÖBB Regionalzugs blicke. Wüsste ich nicht, dass der Zug derjenige ist, der hier in rasender Geschwindigkeit unterwegs ist, könnte man meinen, die Welt da draußen ist es. Dem Zug, in dem alles so beschaulich und ruhig scheint, glaubt man nicht, dass er jenseits der 100 km/h Marke vorangurkt. Ein Porsche muss her, dachte ich noch mit 19, nicht mehr mit 23, denke ich jetzt. Ich fahre mit der Eisenbahn, nicht mit einem Porsche, weil ich das Eisenbahnfahren mag. Von allen Ausprägungsarten des Drinnenseins, kommt das Zugfahren, das ja auch ein Drinnensein bedeutet, dem Draußensein am nächsten. Das Draußensein hab ich immer schon als das meinige betrachtet, nicht das Drinnensein. Wenn man, wie ich, am Gras, in der Wiese, der Steppe, dem Wald, dem Rasen, in einem Wort: der Natur groß wird, dann ist jeder Ort, der nicht draußen ist: Ausland. In einer Großstadt, in Gladbach, Wien oder London zu leben, heißt immer auch drinnen, im Ausland zu leben. Ich kann in der schönsten Wohnung, in der schönsten Stadt der Welt wohnen, aber ich werde dort drinnen, weder in der Wohnung noch in der Stadt, niemals je daheim sein können. Deshalb hab ich auch das Haus, das ich gebaut habe, nicht in Salzburg drinnen gebaut, sondern in meiner Heimat draußen, in Sirnitz. Ein sogenannter fester Wohnsitz, in dem jetzt meine Schwester und ihre Familie lebt. Mein Wohnsitz wird, solange ich spiele, nie ein fester sein. Immer ein wackeliger Wohnsitz, ein sich bewegender Wohnsitz bleiben. Wie man in einer Karriere nie wissen kann, wo man überall noch wohnen wird, oder welche Gegenspieler einem noch gegenüberstehen werden, so weiß man ebenso wenig, wer einem in diesem Leben im Zug noch alles gegenübersitzen wird.

In dem Abteil, in dem ich jetzt alleine bin, saß bis vor wenigen Minuten noch ein einziger Mann schräg vis-à-vis von mir. – Ähnlich wie das Wort „kurz“ tatsächlich kurz ist, ist auch die Formulierung “vis-à-vis”, mit seinen beiden gegenüberstehenden “vis”, optisch genau das, was sie inhaltlich meint. Im Gegensatz dazu ist das Wort lang alles andere als lang, beispielsweise. Und Scheisse stinkt nicht. – Der Mann also, der mir bis vor einigen Augenblicken noch gegenüber saß, packte sein in Alufolie eingewickeltes Weissbrot aus und bot mir ein Stück an. Wissen Sie, sagte er, in Indien, wo ich ursprünglich herkomme, teilen wir, wenn wir essen. Und außerdem haben Sie mir mit dem Match gegen Island einen großen Abend beschert, so er weiter. Der ca. 40-jährige nahm eine Eintrittskarte aus seinem Portemonnaie und hielt sie wie einen Fahrschein in mein Gesicht:

Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße
Von Peter Handke
Burgtheater, 22. Juni 2016, 19:00 Uhr
Der Tag, an dem wir gegen Island spielten. Nie wird man das Burgtheater je wieder so leer erleben, schon schon gar nicht bei einer Handke-Vorstellung, unmöglich bei einer von Peymann inszenierten Handke-Vorführung, sagte er. Es war eine Einmaligkeit. Eigentlich hätte es ein historischer Abend für Sie, für Österreichs Fußball werden sollen, tatsächlich wurde es aber ein historischer Abend für mich, für das Burgtheater, fügte er schmatzend hinzu. Bei einer Europameisterschaft verwandeln sich die Menschen, sogar jene Menschen, die ansonsten kaum etwas für den Fußball übrig haben, zu Fußballmenschen. Alles transformiert sich. Die Musiker, die vielleicht hie und da ins Theater gehen, würden an einem Abend wie dem 22. Juni nie ins Theater gehen. Selbiges gilt für die Mechaniker, die Postler, die Lehrer und für beinahe alle andern Neigungs- und Berufsgruppen auch. Nur die Theater-Mohikaner, also die letzten übriggebliebenen, in Wien lebenden Theatermenschen haben es an diesem Abend vorgezogen auf die Bühne, nicht in den Fernsehen zu schauen. Es war ein Abend, an dem ohnehin alle öffentlichen Säle, außer jener zu Public Viewing Sälen umfunktionierten Säle, leere Säle waren. Die Kinos, die Schwimmhallen, die Tanzschulen. Alles menschenleer. Es ist der Erfolgsfall, der die Menschen zu den einen Dingen treibt, umgekehrt von den anderen vertreibt. Nur die wenigsten bleiben auch im Falle des Misserfolges treu. Denken Sie daran, sagte er, auch bei Rapid gab es eine Zeit, vor 15, 16 Jahren in etwa, da waren keine 4000 Menschen auf den Spielen. Es lief nicht. Jetzt, wo es läuft, wo das neue Stadion kommt, kommen alle. Ähnlich wie ein Mensch sich immer von Erfolgsmenschen, nicht von Misserfolgsmenschen angezogen fühlt, fühlt sich ein Mensch auch von Erfolgsmannschaften und Erfolgstheaterstücken angezogen. Nur ganz wenige verschreiben sich einer Sache oder einem Menschen für ihr Leben. Dieser Abend, ich sags Ihnen, fuhr er nach einer kurzen Gedankenpause fort. Das beinahe gänzlich leere Burgtheater, im ersten Moment traurig und verlassen, im zweiten die wunderbarste und ehrlichste Form, in der ich das Burgtheater je gesehen habe. Auf der Bühne fantastisch agierende Schauspieler, auf den roten Sitzpolstermöbeln: wir, die Übriggebliebenen. Wo es normalerweise zwischen den Sitzreihen vereinzelt freie Sitze gibt, gab es an diesem Abend zwischen den freien Sitzen vereinzelt Menschen. Es waren die wenigsten Menschen im Publikum, und doch war das Klatschen das intensivste. Tatsächlich war es ein von der Intensität des Klatschens verabschiedeter Abend. Eine Intensität, die nicht nach Quantität fragte. Während zeitgleich beim Public Viewing am Rathausplatz nur noch die vom Ergebnis enttäuschten Eventbesucher, die sich selbst auch Fans nennen, ihr Resignationsbier tranken, hallte gegenüber des Rathausplatzes, also im Burgtheater, der Applaus. Der Applaus war nicht nur ein Applaus für das Stück, es war ein Applaus für das ergebnisunabhängige Theater. Für das Theater an sich. Wir, die wir am Balkon, in den Manegen, im Parterre, den Logen, den Festlogen und den Stehplätzen waren, applaudierten den Schauspielern aber auch einander, uns, den letzten Theatermenschen. Die es auch an einem für Österreichs Fußball einmaligen Tag vorziehen, einen Happen Theater anstelle des Massenauflaufs zu genießen. Verstehen sie mich nicht falsch, ich liebe den Fußball, vor allem den englischen Fußball liebe ich, aber die Liebe zum Theater ist ihr zumindest ebenbürtig. Meine Verehrung für diese beiden Künste, die mir immer gleichermaßen heilig waren, verlangt von mir, täglich dem einen Ja, dem anderen Nein zu sagen. Jedes Ja für das Theater, ist ein Nein zum Fußball, und umgekehrt. Wenn man sich, wie ich, immerzu fragt: Fußball oder Theater, Theater oder Fußball, wird man zum personifizierten „Oder“. Ein Leben lang dazwischen. Während der Mann unaufhörlich weiter monologisierte, blickte ich wieder aus dem sauberen Fenster. Menschen, die nur eines lieben, nichts anderes. Nur eine einzige Sache. Diese Menschen sind beneidens- und bemitleidenswert zugleich, sagte er. Fanaten sind das, Getriebene! Kennen Sie Oscar Werner?, fragte er nun als würde es um die Champions League gehen. Oscar Werner war, stellen Sie sich vor, er war wie Paul Gascoigne, nur dass er kein Fußballer war, sondern Schauspieler. Einerseits begabter als alle anderen, dadurch aber auch von einer unerfüllbaren äußeren und inneren Erwartungshaltung verfolgt, die ihn und auch Gascoigne irgendwann in die Einbahn: Alkohol lenkten. Wenn Oscar Werner und “Gazza”, mit Verlaub, nur ein bisschen was von Ihrer Abgebrühtheit und Bodenständigkeit gehabt hätten… Das ist schon beachtlich, Herr Hinteregger, wie Sie das machen, mit Ihren jungen Jahren. Endlich machte er wieder einen ambitionierten Bissen von seinem, der Optik nach zu urteilen, in die Tage gekommenen Brot. Ohne etwas sagen zu müssen, verstand er schließlich meinen um Stille bittenden Blick.
Erst als der Mann, der sich mir namentlich bis zuletzt nicht vorstellte, aufstand, um am Radstädter Bahnhof auszusteigen, meldete ich mich doch noch zu Wort: Wissen Sie, gibt es König der Löwen auch als Theaterstück? Nein, sagte er, nur als Musical. Aber schauen Sie sich lieber den Hamlet an, da geht es auch um einen König;  obwohl, so gut, wie ihn Oscar Werner gespielt hat, wird ihn keiner mehr hinkriegen. Mit einem Fuss schon im Durchgang, mit dem anderen noch im Abteil, fragte er mich im Gegenzug: Kennen Sie das Tor von Paul Gascoigne in Wembley 96 gegen Schottland? N-e-i-n? Dann schauen Sie sich das an! Keinen König der Löwen, keinen Hamlet: Three Lions, baby!

 

 

Warum ich kein Facebook habe

hinti_11_web

Status quo: Salzburg: Man kann Stiegen entweder nach oben oder nach unten gehen.

Jetzt, seit ich dieses Tagebuch ins Internet stelle, bin ich ja quasi auch sowas wie ein Blogger. Obwohl ich Blogger und ihre Welt und überhaupt alles mit sozialen Medien Zusammenhängende immer verneint habe. Diese Welt, in der alles immer glatt und gut zu sein hat. Die Diktatur des Like, das gezwungen Gelungene, die Inszenierung der Perfektion. Erfolgreiche und/oder schöne Menschen, die schöne Photos von schönen Dingen posten. Dazu Kategorien mit den Bezeichnungen “Lifestyle”, “Beauty”, “Food” und “Fitness”. Man sollte sie alle einsperren. Nicht Nippel sollten Online verboten werden, sondern die Kategorien “Beauty”, “Food”, “Fitness” und ganz besonders und vor allen anderen: “Lifestyle”. Ich kann mir richtig vorstellen, wie eine sympathische, liebe Frau vom perfekt inszenierten Instagram/Facebook-Profil einer Bloggerin eingeschüchtert wird. Sie liket es zwar, aber es ist mehr so eine Art Soft-Stockholm-Syndrom-Like. Sie verbringt extrem viel Zeit auf der Seite der Bloggerin, anstatt selbst ihr Leben zu leben. Sie findet es toll, wie die Bloggerin alles “handmade” und “selfmade” und überhaupt alles toll “made” macht. Sie will folglich so sein wie die Bloggerin, ist aber, bei näherer Betrachtung im Spiegel, nicht annähernd so. Was zur Folge hat, dass sie sich eine Double-Toffee Milkatafel reinstopft. Und dann noch eine. Dann ist sie kurz traurig, findet sich fett und schaut wieder auf Facebook zu den Smoothies und den veganen Hautcremes. Ich fürchte tatsächlich, diese Bloggerinnen haben schon vielen ihr angenehm, normales Leben zerstört, nur weiß das kaum jemand. Sollten meine Texte ähnliches auslösen: Bitte melden, ich hör sofort damit auf!

Die Ablehnung dieser Welt führt dazu, dass ich selbst kein Facebook habe. Kein Facebook-Profil für den Menschen Martin Hinteregger und kein Facebook-Profil für den Fußballspieler Martin Hinteregger. Zumindest kein von mir, von Martin Hinteregger Official, betriebenes Facebook-Profil. Ja, es gibt eine Facebook-Fanseite von mir, allerdings wird diese nicht von mir, sondern von mir Unbekannten betrieben. Das Virtuelle ist nicht meins. Ich bin mehr fürs Analoge. Fürs Essen ohne Photo. Den Jubel ohne Video. Das Tor ohne Torkamera. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll, dass der Fuchs sein Handy in der Hand hält, während er Englischer Meister wird und ich weiß nicht, wie ich das finden soll, dass der Alaba gleich beim Ankommen in Frankreich unser Quartier filmt. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Ich bin kein Selfie-Mensch, kein Selfie-Stick-Mensch und auch kein Ich-Mach-Ein-Photo-Von-Meinem-Frühstück-Und-Überleg-Mir-Während-Ich-Es-Esse-die-Passenden-Hashtags-Dazu-Mensch. So einer bin ich nicht. So einer will ich nie werden.

Warum ich dann diese Geschichten hier Online stelle, obwohl ich gegenüber allem, was nach Blog riecht, kritisch bin, frage ich mich und du dich vielleicht auch?!
Ein bisschen ist es wie bei Usain Bolt. Der wird seine 100 Meter im Training, wo ihm nur die Ameisen zusehen, nie so schnell und fokussiert laufen, wie in einem vollen Stadion mit tausenden Fans im Rücken und mit Millionen Zusehern daheim vor dem Bildschirm. Ein bisschen so, nur, dass ich Millionen Leser von Millionen Lesern entfernt bin. Wenn niemand sieht, was man tut, ist es auf Dauer schwer, sich zu motivieren. Zumindest mir fällt es schwer. Aber ich bin auch sicher nicht einer, der gern trainiert.

In Salzburg ist das Stadion meistens nie voll. Bei uns muss schon der Gegner auch passen. Wenn Juve kommt, kommen die Zuschauer, wenn Ried kommt, kommt keiner. Das hab ich nie verstanden: Wenn jemand Salzburg-Fan ist, dann sollte er doch wegen Salzburg kommen, nicht wegen des Gegners, oder?

Wie viele Tische in Herrn Stefans Adlerhof an einem Abend belegt waren, war von mehreren Faktoren – wie dem Wetter, dem Wochentag oder dem Spieltag – abhängig. Manchmal war das Lokal voll, öfter war es leer, wie er in “Unter den Stutzen” schreibt. In den Adlerhof kamen die verschiedensten Menschen. Die Schachspieler aus dem Schachclub kamen zum Schachspielen, die Schulklasse aus Braunschweig kam einmal jährlich zur Schullandwoche, die Geburtstagsfeiernden kamen wegen des Geburtstagskindes und die Dates kamen wegen des frisch geduschten Gegenübers. Studenten, Trankler, Intellektuelle, Arbeitslose, Workoholics, Verheiratete, Alleingebliebene, Rapidler, Austrianer, sogar Sportklub-Anhänger, alle waren sie da. So fremd sie sich teilweise auch waren, Herr Stefan war ihr gemeinsamer Nenner. Wenn man sich sonst nichts zu sagen hatte, dann sagte man sich zumindest, dass der Adlerhof ein guter Ort, der Herr Stefan ein toller Wirt sei. Die Menschen gehen nur selten des Ortes wegen an einen Ort. Die Kirchengeher gehen in die Kirche, weil sie nach der Messe tratschen können, die Fußballfans gehen ins Fußballstadion, weil sie dort ihre Fußballfreunde treffen (oder, wie oft warst du schon allein im Stadion?) und die Supermarktgeher gehen in den Supermarkt, weil der näher ist, als der andere Supermarkt. Tatsächlich hatte der Adlerhof einige wenige Stammkunden, die keinen anderen Grund hatten in den Adlerhof zu gehen, als den Adlerhof selbst. In den letzten Jahren, so schreibt er, waren es vor allem jene Stammkunden, die den Betrieb am Leben gehalten haben. Und wenn es an einem seltenen Abend mal wieder richtig voll wurde im Gasthaus, jauchzte Herr Stefan nostalgisch frohlockend: „Heute war es so wie früher, sehr schön! Ho Ho Ho!” Übrigens, die Facebook-Seite vom Adlerhof hat 139 Likes. Hoffentlich wird mir ewig wurscht sein, wie viele meine hat.

 

Hinterher

hinti_26_web

Wenns nur ein Tag wär, aber es ist viel mehr. Mir vorgenommen, dieses Tagebuch als tägliches EM-Tagebuch zu führen, stattdessen Ablenkung aus allen Ecken. Dadurch Verzögerung, Verspätung, verfickt! Immer hintennach. Immer hinten. Immer Hinteregger Martin. In echt geht halt alles oft langsamer als auf der Playstation. “Leben 2016” weit schwerer als “Fifa 2016”.
Hier Leistungslevel auswählen:

Amateur: Schriftsteller
Halb-Profi: bei Fifa
Profi: Fußballer
Weltklasse: im Bett
Legende: als Jäger

“Man muss mit einfachen Mitteln arbeiten, wenn man schwierige nicht beherrscht.” – Wolfgang Herrndorf (bekannt als Autor, weniger als Maler & Fußballer). Dankbar sein, für das, was da ist; das Leben umarmen, das nichtgegebene Tor gegen Ungarn und auch den gescheiterten Auslands-Transfer umarmen. Alles gut. Alles wird. Alles wird für irgendwas gut sein, hinterher.

 

 

Fußstapfen, so groß wie der Stiefel

hinti_28

“Machen wir eine Party? Überhaupt nicht. Ich halte nichts davon.” So steht es in “Unter den Stutzen” und so haben auch wir es gemacht. Keine Party, nur ein Grillen. Unter Freunden, unter alten Freunden, wie man sagt, obwohl wir alle miteinander noch keine 30 sind. Alle, die hier waren, kennen mich. Sagen sie. Die einen, die mich kennen, seit ich krabbeln kann, neben jenen, die mich kennen, seit ich gehen kann, neben jenen, die mich kennen, seit ich mir einen runterholen kann, neben jenen, die mich kennen, seit ich autofahren kann, neben jenen, die mich nur aus dem Fernsehen kennen.

Die einen haben übers Tennisspielen gesprochen, während die anderen vom Ballett, vom Schlagzeugspielen, Reiten oder vom Klavierspielen erzählten. Doch, wenn sie von diesen, ihren Lebensinhalten, mehr noch Lebenspassionen sprachen, so sprachen sie meist in der Vergangenheit. “Ich habe früher Ballet gemacht.” “Als Kind war ich oft reiten.” “Wir hatten eine Band, haben jede Woche mindestens zweimal geprobt.” Und so weiter, in einem fort. Sie alle haben ihre Lebensabschnittspassionen, sei es mit 5, mit 10 oder mit 15 Jahren, einmal geliebt. Doch irgendwann, aus welchen Gründen auch immer, haben sie angefangen, damit aufzuhören. Es hat eh jeder seine Geschichte, und die kennt eh jeder immer nur selbst. Was bin ich froh, dass meine immer noch die ist: Mit 23 mach ich am liebsten, was ich auch mit 3 am liebsten gemacht hab: Draufhauen auf den Ball.

Der Tag des Grillens ist auch der Tag, an dem Deutschland gegen Italien gespielt hat. Das Viertelfinale im Stade de Bordeaux, wir in Golling vorm Fernseher. Als die Grillkohle längst verglüht, die Koteletts gegessen und die erste Geschirrspülladung eingeräumt war, wurde immer noch gespielt. Tormänner sind viel einsamer als wir, dachte ich, als das Elferschießen grade begonnen hatte. Auf der einen Seite Neuer, der 30jährige, blauäugige, dreifache Welttorhüter, auf der anderen Seite Buffon, der 38jährige, blauäugige, viermalige Welttorhüter. Die Fußstapfen, die Buffon einmal hinterlassen wird, werden die größten sein. Richtig große Stiefel werden das, italienische handmade Landkarten-Stiefel, dachte ich weiter. Während sich nach Schlusspfiff die ersten Mittrinker und Mitesser auf den Weg Richtung nach Hause machten, passte Italiens ansonsten so aufgezuckerter Trainer, Conte, seine Mimik seiner Kleidung an: schwarzes Jackett, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte. Und grande Buffon heulte beim Interview überhaupt gleich Rotz und Wasser und Enttäuschung. No Campione, no Pirlo, no Party! Nur ein Grillen.

 

Der Adlerhof ist kein Surfcamp

hinti_29-1

Dass ich einmal ein Buch spannender finde als ein Fußballmatch. Nach dem Island – Frankreich schon nach 45 Minuten entschieden war: abgedreht und aufgeklappt. Ein Auszug aus Unter den Stutzen:

 Wien, 18. Februar 2003

Betrachtungen eines Gastes

Der Eingang des Adlerhofs erinnert an ein altes Eisenbahner Café. Die Tapete, die die Gaststube einhüllt, ist vom Rauch von Millionen von Zigaretten, die hier ihr Leben ließen, gezeichnet. Neben der Schank rastet eine alte Vitrine, in der einst mit Schinken, Käse und Mayonnaise belegte Brote hinter Glas – wie Prostituierte in Amsterdam – ihre Dienste anboten. Die Brote sind gewichen, nunmehr stehen mit Staub belegte Pokale in ihr. Pokale, bei denen niemand genau weiß, wer sie gewonnen hat, und wofür. Die Holztische und Holzsessel, auf denen im Lokal gesessen und gelehnt wird, sind aus der Zeit gefallen. Wie überhaupt der Ort in seiner Gesamtheit, also der ganze Adlerhof, mehr wie ein Relikt aus vergangenen Tagen, als ein mit der Zeit gehendes Gasthaus, zu sein scheint. Die großen Uhrzeiger stehen, die vermaledeiten Zeitschriften liegen, die Poster hängen, still, ohne sich fortzubewegen; alles aufeinander und übereinander und untereinander geschichtet. Das Gesamtgewicht all dieser, über die Jahre angehäufter Besitztümer ist unabschätzbar. Ob dieses Unmaß an Besitztümern nicht zu einem einzigen, trägen Besitzungetüm mutierte? Der Adlerhof ist sich selbst zu schwer geworden. Möglicherweise ist es gerade das, was die Menschen hierher, hier hereinzieht. Die Sehnsucht nach Beständigkeit. Das schönere Wort für Stillstand. Hier gibt es keine Aussicht auf eine wechselnde Karte, keine Tagesangebote und kein Craft Bier of the week, das aus Weingläsern getrunken werden muss. Stattdessen: Schnaitl. Und gleichwohl es ohnehin eben nur Schnaitl Bier, und keine andere Biermarke gibt, bestellen trotz alledem, oder gerade deshalb, viele der Gäste, wenn sie ein Bier bestellen, nicht “ein Bier”, sondern “ein Schnaitl”. Alternativlos glücklich. Ein Bekenntnis zur Kontinuität.

Sind die ersten Schnaitl-Flaschen geleert, erwartet einen der leicht beissende Geruch am Klo. Sicher kein Prachtort, dieses geflieste flatrate Pissoir, aber ein weiterer, kleiner, sympathischer Fehler, der den Adlerhof zu dem macht, wer er ist.
Die Gaststube ist ein einziges Raritäten-Kabinett. An den Wänden tummeln sich unzähilge gerahmte Mannschaften aus vergangenen Jahrzehnten. Unterstützt werden sie von seltenen Fahnen, Wimpeln und Schals. Es sind aber vor allem die Mannschaftsphotos, die Mannschaftsphotos von Rapid, Sportklub oder Bayern, die das Bild der Gaststube prägen. Man sitzt hier und man wird eigentlich permanent von einigen der weltbesten, zumindest in Österreich besten Spielern ihrer Zeit begutachtet. Die Teams hängen ab ca. zwei Metern Höhe aufwärts. Von dort aus blicken Didi Kühbauer oder Oliver Kahn mit freundlicher Miene nach unten auf die Tische. Und wir, die Gäste, prosten in Gedanken dankend zurück. Wer im Adlerhof sitzt, sitzt immer auch unter den Spielern, immer auch unter den Stutzen.

Wirft man einen Blick auf die Fassade, so zeigen sich kathedralartige Fenster, die mit wuchtigen Vorhängen verdunkelt sind. Helles, natürliches Tageslicht wartet vor der Tür vergeblich darauf, hereingebeten zu werden. Der Adlerhof ist kein Ort der vordergründigen, hellen Fröhlichkeit. Hier sucht man vergeblich nach der Form von Spaß, wie er in Discotheken oder Surfcamps angeboten wird; der Adlerhof ist mehr etwas zum Sitzen, zum Aussitzen und Ausharren. Nur hie und da, oft nach Stunden, in denen zig Zigaretten geraucht wurden, aber ansonsten nichts passiert ist, wird man von einem Gefühl der – wie Otto Baric sagen würde – maximalen Freude übermannt. Von einer Freude, die nicht zwangsläufig etwas mit Spaß zu tun hat, eine Freude, die still, die ganz still sein kann. Die Menschen des Adlerhofs leben keine klassischen, sogenannten glücklichen Leben; es sind Menschen, die von Wertschätzung und Erkenntnis, von Zufall und Verbundenheit leben. Ihnen scheint es mehr um einzelne Momente, als um ein lebenslanges Glück zu gehen.

 

Schütze Läuft Ohne Widerrede

hinti_30

Buben, die im Park Fußball spielen. Vier Pullover als Torstangen. Zweimal ein Messi, einmal ein Lewandowski und ein namenloser im Österreich-Dress. Er, der größte, gleichzeitig der dickste von allen. Schütze Läuft Ohne Widerrede. SLOW.